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27.11.2009
Seminar „Das Pferd – der beste Richter!“ – Ein Kommentar
Zwei, die polarisieren, kritisieren und sich für einen respektvollen Umgang mit dem Pferd stark machen, trafen sich jüngst in der ausverkauften Verdener Niedersachsenhalle. Während Philippe Karl von „Irrwegen in der Reitkunst“ spricht, legt Dr. Gerd Heuschmann den „Finger in die Wunde“. Warum das Treffen weniger ergiebig war als erhofft, lesen Sie hier.
Die Grundidee war gut: Mit Heuschmann und Karl trafen sich die beiden wohl schärfsten Kritiker der Rollkur zum Seminartag mit dem Titel „Das Pferd – der beste Richter!“. Die Erwartungen waren hoch gesteckt: Die Zuschauer hofften auf eine erkenntnisreiche Diskussion auf dem Weg zum feinen Reiten. Dr. Gerd Heuschmann machte die Abgründe von nicht-pferdegerechtem Reiten durch biomechanische Belege greifbar und vertrat die Überzeugung, dass die FN-Reitlehre der Weg zu guter Reiterei ist. Karl präsentierte mit der Légèreté einen anderen Lösungsweg, das Erreichen von Leichtigkeit durch die Einwirkung aufs Pferdemaul mithilfe der hohen Hand. Der Franzose wurde nicht müde, gegen seine Kritiker anzukämpfen, die FN-Reitweise anzuprangern und dabei zu betonen, dass sein Weg zu reiten keine Option, sondern die Grundlage von Reiterei sei, die den Bedürfnissen der Pferde entspricht. Gut und massenkompatibel gewählt war das Oberthema für Karls Vortrag „Wie stelle ich mein Pferd an den Zügel?“. „Die hohe Hand wirkt im Vergleich zur tiefen Hand nicht schmerzhaft auf Kiefer und Laden, sondern im Maulwinkel und regt das Pferd zum Kauen an“, erklärte er. Bei seinen Ausführungen blieben Rückentätigkeit und ein aktives Hinterbein aber außen vor – gerade dieser Mangel wird dem ehem aligen Cadre-Noir-Reiter immer wieder vorgeworfen. |
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Ein Vergleich von dem, was Karl „FN-Reitweise“ nennt, und der Légèreté sollte Augen öffnen. Zwei Berufsreiterinnen auf S-Niveau, die seit einem Jahr von ihm unterrichtet werden, sollten zunächst so reiten, wie sie es jahrelang getan haben, und ihre Pferde dann mithilfe von Karls Theorien lockern. Das gelang nur bedingt: Keines der Pferde präsentierte sich in der erhofften Losgelassenheit, eines zeigte lediglich einen deutlich verbesserten Schritt. Heuschmanns Kommentar dazu: „Wir müssen vorsichtig damit sein, schlechtes Reiten als FN-Reiterei zu deklarieren.“ Bedauerlicherweise hielt sich der Warendorfer bei Karls Vorführungen im Hintergrund und ließ sich allenfalls zu kurzen Kommentaren hinreißen. Die Erkenntnis, dass Karls Ansatz zwar gut, aber schwer umsetzbar ist, lieferte schließlich die Quadrille seiner deutschen Schüler. Zwar waren die piaffierenden Haflinger-Mixe, Araber und Quarter Horses durchaus sehenswert. Doch auch hier war Losgelassenheit Mangelware – ob das an den Reitern oder der besonderen Kulisse lag, sei einmal dahingestellt. Den Ansatz, wie sich die hohe Hand positiv auf ein unter Spannung gerittenes Pferd auswirken kann, konnte allein Monsieur Karl selbst liefern. Er ritt einen hochtalentierten M-Dressurwallach vor. „Sie sind Opfer falscher Ideen geworden. Wenn er sich entspannen könnte, wäre er ein noch viel wundervolleres Pferd“, erklärte er der 18-jährigen Reiterin. „Es darf nicht heißen: Halt’ die Klappe, sondern: Lass’ uns reden.“ Als sich der Wallach unter Karl schließlich entspannter zeigte, war auch Heuschmann begeistert: „Ich liebe diese Dehnung!“, rief er. Anschließend sagte er aber, dass die Zuschauer um ihn herum Karls Reitweise befremdlich fanden. „Dennoch lief das Pferd dann deutlich balancierter, mit offenem Genickwinkel und begann, die Hinterbeine zu bewegen, was vorher nicht der Fall war.“
Der Tierarzt nutzte die Gelegenheit und versuchte eine Brücke zwischen Légèreté und der FN zu schlagen. „Vielleicht müssen wir, die von Sitz und Rücken sprechen, überlegen, wie wir das Maul zum Kauen bekommen und die Schüler der Légèreté dürfen den Rücken nicht vergessen. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.“ Leider blieb es bei diesem schlichtenden Kommentar – das verbindende Element aus beiden Vorträgen, die notwendige Dehnung bei offenem Genick, wurde nicht diskutiert. Dass Heuschmanns Ziel, Gräben zuzuschütten, nicht erreicht wurde, lag vor allem daran, dass der erforderliche Dialog zwischen den Referenten ausblieb. Auf dem Weg zum Verständnis für die Légèreté hätte ein von Karl persönlich ausgebildetes Pferd sicher geholfen – das wäre dann auch eine Diskussionsgrundlage für den Vergleich der beiden Reitweisen auf höchstem Niveau gewesen.
Andrea Zachrau |